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Ach, diese Lücken

  • Autorenbild: C*
    C*
  • vor 1 Stunde
  • 3 Min. Lesezeit



Ach, diese Lücke - diese entsetzliche Lücke ... Titel eines Romans wie eines Kinofilms. Endlich haben wir diesen Film gesehen, über den ich schon so viele positive Meinungen gelesen und gehört habe. Ich schließe mich allen wohlmeinenden Stimmen von Herzen an.

Der Film erzählt eine gute Geschichte, sie ist eine, die das wahre Leben schrieb. Regisseur Simon Verhoeven inszenierte mit einem sicheren Händchen für tolle Schauspieler*innen - allen voran seine Mutter, die göttliche Senta Berger als Großmutter Inge, ein großartiger Michael Wittenborn in der Rolle des liebevollen Stiefgroßvaters Hermann, und eine neue Bekanntschaft für mich, der junge Bruno Alexander als Joachim Meyerhoff.

Der Film zeigt vor allem das studentische Leben des Schauspielers und Autors Joachim Meyerhoff, der nach dem schmerzvollen Verlust seines zweitältesten Bruders Martin, der 1985 bei einem Autounfall verstarb, beschließt, ein Schauspielstudium zu absolvieren. Dieser Beschluss verwundert vor allem seinen ältesten Bruder, der Vater allerdings meint, man müsse sich ausprobieren im Leben. Zum Zwecke des Studiums zieht Joachim zu seinen Großeltern, zur Schauspielerin Inge Birkmann (der Mutter seiner Mutter) und zum Philosophen Hermann Krings (der zweite Ehemann seiner Großmutter).

Schon als Kind ist er, gemeinsam mit seinen Brüdern, fasziniert von den Ritualen der Großeltern, die nach festen Zeiten reichlich Alkohol zu sich nehmen; Szenen, die nicht nur meine Lachmuskeln kitzeln.

Joachim, den seine Großmutter zärtlich Lieberling nennt, ist durchaus selbst überrascht, dass er die Aufnahmeprüfung besteht, sein Studium beginnt allerdings recht holprig, zu sehr leidet der verschlossene junge Mann unter dem Tod seines Bruders. Auch die absurden Spielanweisungen seiner Lehrer*innen kann oder will er nicht umsetzen, er steht zu Beginn wiederholt vor dem Rauswurf, als der berühmte Knoten endlich platzt: Als die Student*innen singen sollen, beschließt er, das Lieblingslied seines Bruders zu singen: Tainted Love von Soft Cell (ein Song, der auch zu meinen Lieblingssongs gehört)

Dieser Film ist so komisch wie auch herzbewegend und er zeigt, dass Abschiede Lücken hinterlassen.

Nicht erst dann verspüre ich selbst diese Lücken, wenn sich Menschen aus diesem irdischen Leben verabschiedet haben - ich erlebe auch ein langes Zurückweichen aus diesem Leben so deutlich und schmerzvoll.

Meine Mutter ist nun bereits seit viereinhalb Jahren im Seniorenwohnhaus und hat dort bis vor einigen Monaten auch noch an Aktivitäten teilgenommen. Es ist allerdings seit geraumer Zeit eine deutliche und weitere Verschlechterung ihrer Demenz eingetreten, Mama interessiert sich inzwischen weitaus weniger für ihre Umwelt. Zunehmend auch ihre Tendenzen, sowohl morgens wie auch abends mit Aggression zu agieren, in solchen Momenten ist sie nicht zugänglich, nicht lenkbar. Das höre ich in letzter Zeit von den Mitarbeiter*innen des Hauses öfter. Einmal war ich nicht nur Zeugin ihrer Wut, sondern auch Angriffsfläche. Ich vermute, da hat meine Mutter auf unsere früheren Konflikte zugegriffen. Nun weiß ich, dass Aggression zur Demenz dazugehören kann, dennoch ist es schwer, so einer heftigen und auch lauten Wut ausgesetzt zu sein. Dieses Toben, die groben und unflätigen Worte, ihr Geifern - nach dieser Attacke musste ich mich, daheim angekommen, sofort hinlegen - ich war erschöpft und tieftraurig.

Ich vermute, dass Mamas Wut ihre Ängste überdeckt, denn unter diesen leidet sie vor allem abends. Dahingehend dürften auch ihre Medikamente nicht mehr ganz passgenau sein - ohnehin ist ihre Medikamentenliste einige Seiten lang. Vor allem sind Schmerzmittel nötig, es ist zumindest erleichternd, dass wir ihre enormen Hüftschmerzen im Griff haben.

Als ich sie gestern besucht habe, lief im Fernsehen eine Übertragung der World Judo Tour 2026. Meine Mutter schüttelte immer wieder den Kopf darüber, dass zwei Menschen sich gegenseitig zu Boden werfen. Auch mir ist so ein Kampf suspekt, ich konnte Mama in ihrem Kopfschütteln folgen. Umso mehr überraschte sie mich, als sie plötzlich ihre Meinung änderte: So an Judokampf mecht i a amoi mochn.

Wenn Großmutter Inge im Film meint, dass das Altwerden eine Zumutung ist, kann ich ihr durchaus jetzt schon folgen.


Foto: C* - am Wiener Zentralfriedhof

 
 
 

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