Familienaufstellung
- C*

- 10. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Seit einigen Jahren erlebe ich keine Treffen im Verwandtenkreis mehr. Einige Jahre erfolgten noch Einladungen, inzwischen werde ich ignoriert.
Etwas genauer formuliert, handelt es sich um eine Kusine, mit der mich früher eine engere Beziehung verband. In manchen Angelegenheiten war ich eine absolute Vertrauensperson. Wenn es etwa um Reibereien im Elternhaus ging, wurden mir tiefe Einblicke anvertraut und so mancher Rat eingeholt, dies über mehrere Jahre. Ich war ein sicherer Hafen, um Kummer und Unsicherheiten auszusprechen, auf meine Diskretion konnte sich die Kusine immer verlassen.
Dieses Verhältnis hat sich drastisch verändert - es gibt keine Verbindung mehr und ich kann mir nicht erklären, wieso mein Rückzug von meiner Kusine nie hinterfragt wurde, und zwar bei mir selbst.
Ich habe sehr feine Antennen und spüre rasch, wo Beziehungen in eine Schieflage geraten (sind), wo gegenseitige Ansprüche und Erwartungen Menschen einengen, wo Gefühle, die vorhanden sind, unterdrückt werden.
Nicht selten, dass ich in der Vergangenheit deutlich gespürt habe, dass bei diesen verwandtschaftlichen Treffen unausgesprochene Dinge in der Luft lagen, ich meine auch ganz klar Antipathien - über die ich einerseits Bescheid wusste, sie andererseits aber auch deutlich wahrnehmen konnte. Ich habe nie verstanden, warum man sich mit Menschen stundenlang an einen Tisch setzt, die man nicht sonderlich schätzt oder denen man auch grobe Vorurteile entgegenbringt.
Ich saß einst sehr fühlig dabei oder ich nahm etwas räumlichen Abstand ein und ließ die Runde auf mich wirken. Was sich laut und herzlich ausnahm, spürte ich mitunter als unpassend und falsch. Ich kam mir manchmal vor, als wäre ich mitten in einer kuriosen Familienaufstellung. Die Beziehungsgeflechte fand ich einerseits faszinierend, andererseits spürte ich meinen Unmut deutlich, da Platz zu nehmen, wo manchmal Aufrichtigkeit einfach fehlte. Ich fasste den Beschluss, solchen Treffen aus diesen und auch anderen Gründen künftig fernzubleiben. Es gab vor ein paar Jahren noch einen Versuch, inmitten dieser Runde Platz zu nehmen - es war mein letzter Versuch. Ich bin inzwischen ein Fremdkörper, durch meine eigene Entscheidung, das sehe ich ganz klar.
Ich habe verstanden, dass ich es nicht jedem Menschen recht machen kann - aber andererseits selbst ganz bei mir bleiben möchte. Ich möchte mich für niemanden verbiegen.
Foto: C*



Liebe Eva,
dein Text wirkt sehr ehrlich und nachdenklich auf mich. Man spürt beim Lesen, wie intensiv du Beziehungen wahrnimmst und wie stark unausgesprochene Stimmungen auf dich wirken können.
Gerade wenn man einmal eine wichtige Vertrauensperson für jemanden gewesen ist, tut es vermutlich besonders weh, wenn sich etwas verändert und keine wirkliche Aussprache stattfindet.
Ich finde aber auch, dass in deinen Worten viel Selbstachtung liegt. Es braucht Mut, sich einzugestehen, dass man nicht mehr an einem Ort bleiben möchte, an dem man sich innerlich fremd oder unwohl fühlt.
Vielleicht ist es manchmal weniger ein „Fremdkörper-Sein“ als vielmehr ein stärkeres Bewusstsein dafür, was sich für einen selbst richtig und aufrichtig anfühlt.
Dein letzter Satz hat mich besonders berührt. Sich nicht verbiegen…
Was es doch für Zufälle gibt! Gerade lese ich den Kommentar von Andrea. Das Gleiche spielte sich auch in den letzten Jahrzehnten bei uns ab. Auch mit Schwägerin und SchwiMu. Der Bruder meines Mannes mit Familie wurde immer bevorzugt, wir, mein Mann und ich spürten das. (Ich muss aber noch erwähnen, dass ich nicht verheiratet bin. Das Wort "Lebensgefährte" gefällt mir nicht. Macht aber auch für mich keinen Unterschied, es war also auch meine SchwiMu).
Dass wir das Ganze um des lieben Friedens willen mitmachten, war eher die Entscheidung meines Mannes.
Vor 6 Jahres ist meine SchwiMu verstorben, nun hat sich die Sache von selbst "erledigt". Ich weiß, das klingt hart. Auch der Kontakt mit der Schwägerin ist etwas eingeschlafen.
Jahrzehnte habe ich Kontakte ertragen, weil es halt die Familie war ... Schwiegermutter, Schwägerin, obwohl ich mich in ihrer Gegenwart immer mies fühlte, die gemeinsamen Stunden ein innerer Kampf für mich waren und ich regelrecht Angst davor hatte ... ja, sie mich schier krank machten. Noch heute habe ich Alpträume deswegen, obwohl der letzte Kontakt nun 16 Jahre her ist (als mein Mann starb). Dabei war ich nicht die einzige, die so empfand, die ganze Familie litt unter dem despotischen Verhalten dieser zwei Frauen. Ich frage mich immer noch, warum keiner den Mut hatte, sich davon zu lösen. Zu spät.
Ein lieber Gruß zu dir!
In einer Familie ist man halt gewissen Zwängen unterworfen. Man ist dann eben z.B. auch nett zu der Schwester seines Partners oder der Frau seines Bruders, obwohl man die eigentlich nicht ausstehen kann. So wird über Jahre ein Verhältnis gepflegt, was nie wirklich existierte.
In unserem Alter ist es dann ja oft so, dass die Menschen, für die man es getan hat, plötzlich nicht mehr da sind. Damit zerbricht auch schlagartig der Kontakt zu dem anderen, weil dieses Verbindungsglied plötzlich verloren gegangen ist.
Ansonsten habe ich nur noch mit sehr wenigen Menschen aus meiner Familie Kontakt. Jeder lebt eben auch sein eigenes Leben. Das ist wohl auch der Lauf der Dinge und gut so.
Liebe Grüße
Jutta
Hallo liebe C*, genau, die Welt dreht sich auch ohne solche Treffen weiter. Manchmal passt es einfach nicht... Herzliche Grüße, Annette