UNverschämt bitten


Vor einigen Jahren war ich aus Neugierde in einem evangelischen Gottesdienst.
Was mir damals sogleich, noch vor Beginn des Gottesdienstes, auffiel, waren die Frische und die Helligkeit des Kirchenraumes, einladend in seiner Freundlichkeit und klaren Gestaltung.
Schon vor dem Gottesdienst war es etwas lauter, als ich es gewohnt war, denn die Menschen haben einander erfreut begrüßt und miteinander gesprochen. Eine echte Gemeinschaft, so wirkte dieser Menschenkreis auf mich. So eine Situation kannte ich von früheren Kirchgängen in katholischen Kirchen nicht, denn da wurde stets schweigend und eher mit gesenkten Köpfen auf den Beginn des Gottesdienstes gewartet.
In ihrer erfrischenden Predigt ging die Pfarrerin darauf ein, dass wir Gott unsere Bitten UNverschämt vorbringen dürfen.
UNverschämt sein - Scham ablegen und voller Vertrauen sein ... im spirituellen Sinne voller Vertrauen in das Göttliche sein.
Wer sich von der Scham befreien kann, dessen Blick ist nicht mehr zu Boden gerichtet.
Die Beschwerlichkeiten des Lebens gleiten von unseren Schultern, wir halten nicht an negativen Bildern fest. Wir breiten unsere Arme aus, öffnen unsere Hände, sind voller Zuversicht und - wir sind bereit, zu empfangen.
UNverschämt sein - befreit sein von falscher Scham und von der Einstellung, nicht wichtig genug zu sein.
Die Pfarrerin erzählte auch die bekannte Geschichte der Frösche, die sich auf einen Wettlauf begaben. Als Ziel legten sie fest, auf den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen.
Die zuschauenden Frösche glaubten nicht daran, dass dieser Wettlauf zu gewinnen sei, denn sie schätzten die Aufgabe als unlösbar ein und so äußerten sie sich auch: Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!, oder Das ist einfach unmöglich!, und Das schafft ihr nie!, riefen sie den Fröschen zu.
Doch ein Frosch schaffte es, die schwierige Aufgabe zu lösen, weil er nämlich die negativen Einschätzungen und Zurufe der Zuschauer überhörte, er war taub.
Ich kenne diese Geschichte und fand es sehr erfrischend, diese in der Kirche zu hören. Für die Kinder wurden die wichtigsten Szenen der Geschichte auch anschaulich dargestellt.
Die aufdringlichen Zurufe derer, die glauben, ein anderes Leben zu verstehen oder nachvollziehen zu können - es ist an der Zeit, diese zu überhören.
Die Meinungen jener, die aus Gewohnheit pessimistisch eingestellt sind - nicht beachten.
Haben sich alle diese Zurufer*innen schon einmal in den Schuhen jener, die sie beurteilen, auf den Weg gemacht?
Foto: C*



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